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Nachhaltigkeit

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Alle reden von Nachhaltigkeit:

UN-Gremien und Dorfbürgermeister, Konzernzentralen
und Graswurzel-Initiativen, Landfrauenvereine und Lifestyle-Magazine, Grundschulen
und Exzellenz-Universitäten. Sustainability is the key to human survival.
Nachhaltigkeit ist der Schlüssel zum Überleben der Menschheit. So prägnant drückte
es 2009 Christopher G. Weeramantry aus, der frühere Vizepräsident des Internationalen
Gerichtshofes.

Wir [ ... ] erneuern unser Bekenntnis zur nachhaltigen Entwicklung und zur Förderung einer ökonomisch, sozial und ökologisch nachhaltigen Zukunft für unseren Planeten und für die gegenwärtigenund die zukünftigen Generationen."1 Im Vorfeld dieses Gipfels hatte der Generalsekretär der Konferenz, der chinesische Diplomat Sha Zukang, formuliert: "Nachhaltige Entwicklung ist nicht optional. Sie ist der einzige Weg, der es der gesamten Menschheit erlaubt, ein gutes Leben auf diesem einzigartigen Planeten zu führen."Nur ein frommer Wunsch? Alle diese programmatischen Erklärungen und Bekenntnisse bedürfen dringend der Ergänzung durch einen zutiefst beunruhigenden Befund: In den 20 Jahren, seitdem im "globalen Dorf" von Plenumsdiskussion auf dem UN-Konferenz zu nachhaltiger Entwicklung, Rio de Janeiro,Juni 2012 Foto: UNI Maria Elisa Franeo "sustainable development" die Rede ist, nahm der "ökologischeFußabdruck" der Menschheit ungebremst weiter zu.Um diese Messgröße zu veranschaulichen, bringen USÖ kologen neuerdings das Denkbild vom" Earth OvershootDay" ins Spiel. Das ist der Tag, an dem wir jedes Jahr die Grenzen der Belastbarkeit der planetarischen Ökosystemeüberschreiten. Im Jahr 2011 fiel dieses Datum nach den zugegeben: vagen - Berechnungen auf den 27. September, 2012 schon auf den 22. August. So früh wie nie zuvor war die Menge an Naturgütern verbraucht, die der Planet im ganzen Jahr 2011 erzeugte. So früh wie nie zuvor war die Menge an Müll deponiert und an Emissionen in die Luftgeblasen, welche die Ökosysteme im ganzen Jahr absorbieren konnte. Nur ein Faktor: 2011 kletterte der weltweite Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid auf einen neuen historischen Höchststand. Die Kräfte, welche die Erde in Erde in Turbulenzen bringen, sind also nach wie vor stärker als die Gegenkräfte. Sie tragen uns weiter weg vom Ziel der Nachhaltigkeit.
Aber was ist Nachhaltigkeit? Die am meisten zitierte Formel ist schon 25 Jahre alt. Sie findet sich im Abschlussbericht der UN-Brundtland-Kommission von 1987. Unter "nachhaltiger Entwicklung", so heißt es dort, ist eine Entwicklung zu verstehen, "welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen."2 Mit diesen Worten hat die Brundtland Kommission der Vereinten Nationen vor 25 Jahren den modernen Begriff weltweit eingeführt und dessen Aufstieg zum Leitbild für das 21. Jahrhundert vorbereitet. Diesen Schritt hat der "Erdgipfel" der UN in Rio 1992 vollzogen. Seitdem ist der Rang dieses Begriffs auf internationaler Ebene fest etabliert. Er ist und bleibt Hauptbegriff und Leitbegriff, das Leitbild im Zukunftsdenken der Weltgemeinschaft bei der Gestaltung des 21. Jahrhunderts und für die Rettung des Planeten aus einer tiefen Krise.
Meine These: Die Etablierung dieses Konzepts war ein Ereignis von epochalem Rang, ein großer Wurf. Seine Tragweite und seine Tiefendimension aber haben wir noch längst nicht verstanden. Wie oft in solchen Fällen ist der Rückgriff auf die Geschichte des Begriffs hilfreich, ja sogar notwendig. Was der Philosoph Werner Beierwaltes für die Philosophie allgemein formulierte, gilt für den Nachhaltigkeitsdiskurs in besonderer Weise: "Die systematischen Grundprobleme der Philosophie sind keine Neuentdeckungen der Gegenwart. Sie werden in ihrer Komplexität überhaupt erst verstehbar, wenn die vielfältigen Aspekte, die zuvor schon von vielen erfasst, bedacht, verworfen oder gebilligt, weiterverfolgt oder aufgegeben worden sind, neu ins Bewusstsein gehoben und bewertet werden. "3 Mit Erstaunen stellt man dabei fest: Dieses "neue Denken" ist keine "Kopfgeburt" aus den Thinktanks der UN. Es ist mit tiefen Wurzeln in den Kulturen der Welt verankert. Der Begriff selbst hat wesentliche Prägungen in der europäischen und ganz spezifische Ausformungen in der deutschen Kulturgeschichte erhalten. Dieses kulturelle Erbe als eine lebendige Ressource zu nutzen, könnte dazu beitragen, dem Begriff neue Tiefenschärfe zu geben, ihm seine Würde, ja eine "Aura" zu verleihen.

 

Nachhaltigkeit vs. Kollaps

 

"Nachhaltigkeit" so lautet ein weit verbreitetes Vorurteil ist ein total unsinnliches Wort. "Nach" und "halten", Joachim Heinrich Campe, 17 46- 1818, deutscher Schriftsteller, Sprachforscher, Pädagoge und Verleger "-ig" und "-keit"- die Bestandteile des Wortes wirken zusammengenommen zunächst tatsächlich ziemlich sperrig. Doch dieser Eindruck verflüchtigt sich, sobald man in das "Wildbad" der Sprache und der Wortgeschichte eintaucht. Mein Favorit im Dickicht der Definitionen ist schon 200 Jahre alt. Er findet sich in Joachim Heinrich Campes "Deutschem Wörterbuch" von 1809: "Nachhalt ist das, woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält."4 Nur ein kurzer Satz. Aber er öffnet er einen Zugang zur Tiefendimension des Wortes. Nachhaltigkeit erscheint hier als Gegenbegriff zu "Kollaps". Jetzt wird es spannend. Dasselbe Denkbild liegt nämlich dem modernen Nachhaltigkeitsbegriff zugrunde. An Beginn dieses Neustarts der alten Idee stand der Bericht an den "Club of Rome". Seine Autoren suchten 1972 nach einem Modell für ein "Weltsystem", das "nachhaltig" (sustainable) ist. Und das heißt: Gegen einen "plötzlichen und unkontrollierbaren Kollaps" gefeit und "fähig, die materiellen Grundansprüche der Menschen zu befriedigen". So steht es wörtlich in der berühmten und schnell - vorschnell - für obsolet erklärten Studie über die "Grenzen des Wachstums". 5 Ist das unsinnlich? Wer schon mal ein Haus gebaut oder renoviert hat und an den tragenden Wänden oder am Fundament mit Hand angelegt hat, also an dem, was der Statik ihren Halt gibt, weiß, dass es sich hier um etwas eminent Sinnliches- mit gleich mehreren Sinnen Wahrnehmbares -handelt. Die "nachhaltenden", also dauerhaft haltbaren, tragfähigen Elemente einer Konstruktion vermitteln erst das Gefühl von Bewohnbarkeit. Sie antworten auf das Grundbedürfnis nach Sicherheit. Und umgekehrt: Die Bilder und der Krach einstürzender Bauten machen den Sitz und den Wert der tragenden Elemente dramatisch und lautstark bewusst. Ihre Staubwolken und Schockwellen erzeugen einen emotionalen Ausnahmezustand, den wir mit dem englischen Wort thrill- Angstlust- benennen. Nachhaltigkeit als Gegenbegriff zu "Kollaps" neu und umfassend ins Spiel zu bringen, halte ich für brandaktuell. In Zeiten, wo das Ökosystem Klima in schwere Turbulenzen geraten ist, wo in den Gesellschaften Solidarität und Gemeinsinn so schnell schmelzen wie die Gletscher der Polarkappen, wo "global players" über Nacht kollabieren, ganze Staaten zu "scheitern" und im Chaos zu versinken drohen, wird Nachhaltigkeit notwendigerweise zum MegaThema. Nicht als Sahnehäubchen auf dem Kuchen einer Überflussgesellschaft, sondern als Schwarzbrot des politischen Handeins auf allen Ebenen und- für den Einzelnen - einer ökologischen Überlebenskunst. Eine solche Bestimmung des Begriffs führt notwendigerweise zu der Frage nach den jeweiligen Ursachen des Kollapses. Dieser Frage ist der ainerikanische Historiker Jared Diamond anhand zahlreicher historischer Beispiele, von den Wikinger-Kolonien auf Grönland bis zu den Siedlungen auf den Osterinseln nachgegangen. Seine Antwort: Zum einen das anhaltende  Bevölkerungswachstum und die dauerhafte Übernutzung der Ökosysteme, also der Raubbau an der Natur. Zum anderen ist es die zu große Kluft zwischen Arm und Reich in den Gesellschaften.6 In genau diesem Kontext von ökologischer und sozialer Krise verweist Nachhaltigkeit auf das, was auf lange Sicht, über die Kette der Generationen hinweg, tragfähig ist. Es bündelt die Lösungsansätze. Es rückt das konstruktive und lebens- bejahende Denken und Handeln in den Fokus. Nachhaltigkeit ist im Kern ein ethisches Prinzip. Und zwar- meine These- das wichtigste, das wir im 21. Jahrhundert haben.
Halten wir fest: Die Idee der Nachhaltigkeit ist weder eine Kopfgeburt moderner Technokraten noch ein Geistesblitz von Ökofreaks der Generation Woodstock. Sie ist ein elementares geistiges Weltkulturerbe. Es war der britische Thronfolger Prinz Charles, der vor einigen Jahren die Frage aufwarf, ob nicht "tief in unserem menschlichen Geist eine angeborene Fähigkeit schlummert, n a c h h a 1 t i g im Einklang mit der Natur zu leben" (to live sustainably with nature)/

Homo sustinens- der Mann aus dem Eis

Im Museum am Rande der Altstadt von Bozen liegt er in einer tiefgekühlten Vitrine aufgebahrt: der namenlose Mann
aus dem Eis, den wir Ötzi nennen. Er war einer von uns, der erste Europäer, den wir von Angesicht zu Angesicht kennen. Die Mumie aus dem vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung ist überraschend schmalschultrig und feingliedrig. Die eingetrockneten Augen sind nach oben gerichtet. Die rechte Hand, mit der er das Beil führte und den Bogen spannte, greift ins Leere. Rings um den gläsernen Sarg sind die Überreste seiner Ausrüstung ausgestellt. Jedes Stück spiegelt seine halbnomadische Lebensweise. Alles ist bis ins Letzte durchdacht, alles perfekt seiner natürlichen Umwelt, seinen Bedürfnissen, seinen Zielen angepasst. Die Stiefel mit der Sohle aus Braunbärenfell, dem Oberteil aus Rindsleder und dem Innengeflecht aus Lindenbast sind absolut hochgebirgstauglich. Das Kupferbeil ist ein gusstechnisches Meisterstück, der Jagdbogen aus Eibenholz modernen Sportbögen an Reichweite und Durchschlagskraft beinahe ebenbürtig. Die Konstruktion des Außengestells am Rucksack gilt bei heutigen Outdoor-Ausrüstern als optimale Lösung für den Transport schwerer Lasten. Neun einheimische Arten von Holz sind verarbeitet. Für jeden Zweck hat er exakt die am besten geeignete Sorte ausgewählt. Die Sorgfalt, mit der er das volle Spektrum der heimischenRessourcen nutzte, und die Eleganz der Einfachheit, die jedes seiner Artefakte auszeichnet, geben über die Jahrtausende hinweg den Blick frei- auf einen schöpferischen Geist. Der Gletschermann - der archetypische homo sustinens? Einer aus der langen Ahnenreihe der Erfinder der Nachhaltigkeit?
Ein kleines, spät entdecktes Detail stört das Bild. In Ötzis linker Schulter steckt eine Pfeilspitze. Die hat ihn getötet, nicht Kälte, Schnee und Eis. Jäger nennen das - bei Der "Mann aus dem Eis", wie er heute im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ausgestellt ist Foto: Südtiroler Archäologiemuseum- www.iceman.it
Tieren - einen Blattschuss. Offenbar war er auf der Flucht. Ein Opfer und Täter, Jäger und Gejagter in einer blutigen Stammesfehde? Viele klimahistorische Befunde, so sagen die Gletscherforscher, deuten darauf hin, dass in Ötzis Epoche ein Kälteeinbruch den Alpenraum erreichte. Ötzis gewaltsamer Tod, so eine Hypothese, könnte mit dem Kampf um die schrumpfenden Weidegebiete zu tun haben. Ein Klimakrieg vor über 5.000 Jahren? Merkwürdiger Gedanke angesichts der Vitrine im Museum: Sein Sarg aus Eis taut in Folge der Erderwärmung auf und entlässt aus der Tiefe der Zeit einen stummen Boten in unsere Gegenwart.
Um den Zeithorizont zu verstehen: Zu Ötzis Lebzeiten war Babyion erst eine Ansammlung von Lehmbauten im Zweistromland. Aber viel weiter östlich, im Flußgebiet des Indus, besang man möglicherweise schon damals die "alles tragende, fest gegründete, goldbrüstige Mutter Erde" und betete: "Was ich von dir, o Erde, ausgrabe, lass es schnell nachwachsen. Lass mich, o Reinigende, weder deinen Lebensnerv durchtrennen noch dein Herz durchbohren. "8 Kann man nicht auch diese, später in der vedischen "Hymne an die Erde" überlieferten Verse als eine Formel für Nachhaltigkeit lesen? Kein Begriff, aber eine archaische Beschwörung, die Prozesse des Wachsens und Nachwachsens in der Natur als etwas Heiliges zu respektieren. Indira Gandhi, die damalige indische Ministerpräsidentin, hat sie 1972 in Stockholm auf der ersten großen UN-Umweltkonferenz in diesem Sinne zitiert. "Laudato si, mi signore, cun tucte le tue creature, I spetialmente messor lo frate sole, I lo qual'?: iorno, et allumini noi per loi ... " "Gelobet seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, I vor allem dem Herrn Bruder Sonne, der den Tag heraufführt und uns durch sich erhellt. "9 Der fromme Lobpreis versetzt uns in die Welt der mittelalterlichen Klöster und in die Zeit der Kathedralen. Genauer gesagt: in die Parallelwelt der Einsiedeleien auf durchsonnten Berghöhen, der endlosen staubigen Landstraßen Mittelitaliens, der Dorfarmut und ihrer barfüßigen Propheten. Canticum Solis, der "Sonnengesang" des Franziskus von Assisi, die mittelalterliche Ode an die Schöpfung, ist wie kein anderer Text aus dieser Epoche in unserem kulturellem Gedächtnis präsent. Sein "ökologischer" Gehalt ist schon häufig bemerkt worden. Der "Sonnengesang" enthält aber auch das begriffliche Grundgerüst der Nachhaltigkeit. Entstanden ist er in der - damals - schlichten, von Olivenhainen und Zypressen umgebenen Klosteranlage von San Damiano am südlichen Abhang des Hügels, auf dem die Stadt Assisi thront. Ein Jahr vor seinem Tod erlebtFranziskus hier einen "strahlenden Sonnenaufgang in der Seele". Die Dichtung aus 50 Zeilen nimmt ihren Ausgang vom Allerhöchsten: "Gelobet seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen" - "cun tucte le tue creature." Aufschlussreich ist die Vokabel" tucte ". Der Aufstieg der Seele führt nicht über die Abwertung der materiellen Welt. Im Gegenteil. Die Seele öffnet sich zu allen Geschöpfen, zur ganzen Schöpfung. Von Anfang an bringen die Laudes creaturarum Fülle, Ganzheit, Einheit und immer wieder die Schönheit von scheinbar unbelebter Materie und lebendiger Natur ins Spiel. Tucte le tue creature - in der Sprache der Ökologie und Erdsystem-Forschung von heute: das "Netz des Lebens". Die Blickachse des Textes verläuft vertikal. Die Anordnung seiner Bilder führt von ganz oben nach ganz unten. Vom Allerhöchsten über die Sonne, den Mond und die Sterne, durchquert sie die Lufthülle der Erde, die Atmosphäre, und erreicht die Biosphäre, die Gewässer und den Erdboden. Doch Franziskus spricht nicht einfach von Sonne, Mond, Wind, Wasser, Feuer ... Die Rede ist stets von frate sole, sora luna, frate vento, sora aqua, frate focu. Alles ist Bruder oder Schwester. Mensch und Naturphänomene haben gleichen Ursprungund gleichen Rang. Sie sind Geschöpfe eines gemeinsamen Vaters. Hier geschieht etwas Bedeutendes: Die franziskanische Perspektive hebt die Trennung zwischen Mensch und übriger Schöpfung auf. Sie vollzieht einen radikalen Bruch mit machtvollen Traditionen des antiken und christlichen Denkens - und fordert mindestens ebenso radikal die westliche Moderne heraus. Sich die Natur untertan zu machen. Das war- und ist- im Mainstream der Tradition legitim, ja sogar ein Gebot. Für uns ist es Normalität. Der neue Mensch einer franziskanischen solaren Zivilisation dagegen akzeptiert und feiert seine eigene Naturzugehörigkeit. In dieser Versöhnung liegt die spirituelle Basis für die "Kommunion", für eine universale geschwisterliche Gemeinschaft von Menschen und Mitwelt. Herausgehoben ist die Sonne. Sie ist nicht nur frate. Als unendliche Quelle des Tageslichts, der Energie, des Lebens ist sie gleichzeitig messor - Herr oder (legt man das grammatikalische Geschlecht des deutschen Wortes zugrunde) Herrin. Die Sonne zieht besondere Attribute auf sich: schön, strahlend, glanzvoll. Sie ist Quelle von Freude und ästhetischem Genuss. Ja, sie ist sogar wie in so vielen Kulturen der Welt "dein Gleichnis, o Höchster", Symbol der Gottheit. Sonne und Mond sind komplementär. Wie Tag und Nacht, hell und dunkel, Klarheit und Geheimnis. Sora luna e le stelle, Mond und Sterne, gehören noch zum himmlischen Bereich. In der Schwärze des Kosmos wirkt das Funkeln der Gestirne "kostbar und schön" (pretiose et belle), erscheint der Mond, sein Zyklus, seine sanfte Energie als besonders geheimnisvoll und anziehend. Mit der anschließenden Strophe tritt die Bildfolge des Textes in die Sphäre der vier irdischen Elemente Luft, Wasser, Feuer, Erde ein. "Gelobet seist du, mein Herr, durch Bruder Wind." Ihm zugeordnet sind die Luft, die Wolken, heiteres und jedes Wetter. Die Rede ist also von der Lufthülle der Erde in ihren verschiedenen Erscheinungsformen -also vom Klima. Genau an dieser Stelle taucht im Sonnengesang" zum ersten Mal das Ursprungswort von sustainability auf: sustentamento. Franziskus lobt Gott für die Phänomene der Atmosphäre, "durch welche Du Deinen Geschöpfen ,sustentamento' gibst" (per lo quale a le tue creature dai sustentamento) also Halt, Unterhalt, Nachhalt. Wobei sustentamento alldas bezeichnet, was zur Erhaltung und zum Fortbestehen von Lebewesen und Dingen notwendig ist: Lebensunterhalt, Existenzgrundlagen. Ihre dauerhafte Sicherung ist eine Gabe Gottes. Er gewährt sie nicht allein durch Bruder Wind. Genauso haben "Schwester Wasser" (charakterisiert als sehr nützlich, demütig und kostbar) und "Bruder Feuer" (schön, angenehm, robust und stark) ihren Anteil. Der "Sonnengesang" wird nun zum Gesang der Erde. "Gelobet seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester Mutter Erde". Wie die Sonne ist auch die Erde - und
damit ist hier vor allem das Erdreich, der Humus, der Mutterboden gemeint - doppelt hervorgehoben. Sora nostra mater terra. Sie ist nicht allein our fair sister wie in dem Doors-Song von 1967. Aber auch nicht nur magna mater, die große Mutter, wie in archaischen Kulten, oder Gaia, Erdgöttin. Die mütterliche Erde bekomme bei Franziskus zusätzlich das "Gesicht einer Schwester", schreibt Eloi Ledere, und damit eine neue- ewige- Jugendlichkeit. "Das Gefühl von Abhängigkeit und Verehrung, das der Mutter zukommt, wird hier durch das Gefühl geschwisterlicher Zuneigung nuanciert."10 Die Erde ist eben auch Schwester und somit Tochter desselben Vaters, selbst ein Geschöpf. In ihrer Eigenschaft als Mutter hat sie freilich eine besondere Macht. Mater terra, la quale ne sustenta et governa
et produce diversi fructi con coloriti flori et herba. Sie ist die Erde, die uns "trägt" (sustenta = erhält, aufrechterhält) und "regiert" (governa = lenkt, leitet) und "vielfältige Früchte mit bunten Blumen und Kräutern erzeugt". Ein zweites Mal greift Franziskus auf eine Form von sustentare zurück. Was gibt uns Halt und Nachhalt? Es ist der von Gott geschaffene Erdboden im Zusammenspiel mit der Lufthülle des Planeten. Wir nennen das heute: Biosphäre. Sie bringt unfehlbar Früchte, Fruchtbarkeit, Biodiversität und- damit verknüpft - Farbe und Schönheit hervor. Solange wir uns von ihr "leiten" (governa) lassen. Die Bilder von Fülle und Vielfalt verbinden sich untrennbar mit der Begrifflichkeit von sustentamento. Von diesem Punkt aus verstehen wir erst den Kern des franziskanischen Weltbildes: sein ArmutsideaL Zugrunde liegt der unbedingte Wille zur imitatio Christi, der eine forma vitae ohne Eigentum und ohne Vorratshaltung attraktiv macht: "nackt dem nackten Christus nachfolgen". Kreuzförmiges Gewand, Strick als Gürtel, Barfüßigkeit sind die Requisiten der "vestimentären Kommunikation" (Peter Bell) dieses Ideals. Doch auch die Freude an der Fülle des Lebendigen ringsum ist Antrieb, den "Verbrauch" von "Ressourcen" auf ein Minimum zu reduzieren. Besitz ist Ballast. Verzicht ist Befreiung. "Nehmt nichts mit auf den Weg", heißt das Gebot im Neuen Testament (Lukas 9, 3). lmagine no possessions, sang John Lennon. Wer die Besitzlosigkeit zum Konzept macht, muss wissen, was ihn ohne die Sicherheit des Besitzes trägt. Was auf Dauer tragfähig bleibt, sagt uns der alte Text, ist eine geschwisterlich behandelte Natur. Im Vertrauen auf diesen sicheren Halt sind neue Bilder des guten Lebens zu entwerfen. Der franziskanische Minimalismus ist ein Weg, die Integrität der Mitgeschöpfe - aller Geschöpfe - ihre Schönheit, ihre Robustheit, ihre bunte Vielfalt, zu erhalten und so auf Dauer erleben und behutsam genießen zu können. Der freiwillige Verzicht, nicht der erzwungene, öffnet einen Zugang zur glanzvollen Fülle des Lebens. Die franziskanische Pyramide der Bedürfnisse: einfach leben, egalitär, im Einklang mit der Schöpfung, offen für die Stimme des Allerhöchsten. Das letzte Wort des Sonnengesangs lautet: humilitate- Demut. Nackt ausgestreckt auf nackter Erde sterben, war Franziskus' letzter Wille. So ist er der Legende nach "Bruder Tod" begegnet.

 

Die Schöpfung bewahren ...

 

ist eine beliebte Kurzformel, um den Grundgedanken von Nachhaltigkeit zu umschreiben und dabei auf dessen ethische - und spirituelle- Dimension zu verweisen. Was dabei kaum noch bewusst ist: Dahinter steht ein Denkmodell aus der christlichen Theologie, das tatsächlich als ein "Urtext" unseres modernen N achhaltigkeitsbegriffs gelesen werden kann: Die Lehre von der Providentia - der göttlichen Vorsehung. Ein Blick auf das begriffliche Gerüst dieser Lehre lohnt sich. Der Oberbegriff providentia benennt die Handlung und die Fähigkeit, in die Zukunft hinein zu denken. Die Voraussicht führt zu einem Vorherwissen der Dinge. Das Vorausgesehene, das dem Gewollten entspricht, bedarf der Sorge, dass es auch eintritt, also der Vorsorge. Diese bedingt wiederum ein dem angestrebten Ziel angemessenes Handeln (actio) in jedem gegebenen Moment. Die Struktur des providentiellen Handelns hat drei tragende Elemente. Grundlegend ist die conservatio. Oder auch sustentatio. Hier geht es um die Erhaltung, die Bewahrung aller Dinge in ihrem durch die Schöpfung festgelegten Existenzvollzug. Sie ist Fortsetzung der Schöpfung und verhindert den Rückfall ins Nichts - annihilatio- die Vernichtung. Auch hier: conservatio als Gegenbegriff zu annihilatio - Kollaps. Die gubernatio meint die Leitung und Lenkung aller Abläufe, die Regierung über die Dinge. Ein Bestandteil ist die cura, die Sorgeund Fürsorge, auch der pflegliche Umgang mit der Schöpfung. Zeichen der göttlichen gubernatio sind die gesetzmäßigen Erscheinungen in der Natur: die Gleichmäßigkeit der kosmischen Bewegungen, die regelmäßige Abfolge der Jahreszeiten, d~r Wasserkreislauf, die Generationenfolge in den Naturreichen. Drittes Element von Providentia ist der concursus, das Zusammenkommen oder Zusammenspiel der verschiedenen Wirkursachen. Hier geht es um die Beziehung zwischen göttlichem Wirken (actio externa), dem Wirken der Naturkräfte und dem freien menschlichen Handeln. Das göttliche Wirken ist prima causa, erste Ursache. Naturkräfte und menschliche Mitarbeit ( cooperatio) sind secundae causae, zweitrangige Ursachen, aber durchaus mit Spielräumen, eigenen Wirkungen und Nebenwirkungen. Schließlich behandelt die Lehre vom concursus auch noch die kitzlige Frage, wie das Böse beim Gang der Dinge mitwirke. Die göttliche gubernatio wechselt zwischen den Optionen: Zulassung (permissio ), Hinderung (impeditio ), Ausrichtung auf göttliche Ziele (directio) und Begrenzung (terminatio) des Bösen. Der Glaube an die göttliche Vorsehung geriet im 17. Jahrhundert in die Krise. Die Theologie selbst hat sich mehr und mehr davon verabschiedet. Aber noch kürzlich sprach Jürgen Habermas von der "Artikulationskraft religiöser Sprachen". Hier liege ein Potential für unsere Gegenwart und Zukunft. Und tatsächlich: Das Vokabular der Providentia- Lehre erscheint heute im globalen Diskurs der Nachhaltigkeit. Der alte Zentralbegriff conservatio blieb im Englischen und Französischen fast bruchlos erhalten. Im Sinne von "bewahrender Nutzung" wurde er zum Gegenbegriff von Raubbau und Umweltzerstörung. Die "International Union for Conservation ofNature" (IUCN), setzte 1980 ihren Leitbegriff conservation kurzerhand mit sustainable development gleich. Die UN-Brundtland-Kommission hat ihn von dort übernommen. Denkfabriken der internationalen Politik diskutieren vehement über global governance oder earth system governance, die alte Idee der gubernatio- Lenkung - in neuem Gewand. Im Dreieck der Nachhaltigkeit geht es um die Integration von Ökologie, Ökonomie und sozialen Wirkkräften, also um die cooperatio von Natur und Mensch. Das hieß früher concursus. Und was sagt uns: terminatio - Begrenzung des Bösen? In der internationalen Arena streitet man über die Begrenzung des C02 - Ausstoßes. Wir debattieren - wieder- über die Grenzen des Wachstums. Filme und Bücher entwerfen immer neue Bilder der annihilatio, der Vernichtung des Planeten des endgültigen Kollapses. Der Glaube schwand. Das begriffliche Gerüst wurde adaptiert.

"The time is out of joint"

Die Zeit ist aus den Fugen - so artikulierte Shakespeares Held Harnlet um 1600 auf der Bühne des Londoner Globe Theaters das Lebensgefühl seiner Zeit. Und wiederum ist es beherrscht von der Angst vor einem drohenden Kollaps und der Frage nach einer Strategie der Rettung. 1637 im holländischen Leiden heißt es dann "Cogito, ergo sum." Ich denke, also bin ich. Auf die Gewissheit, ein denkendes Subjekt zu sein - setzt Rene Descartes die Hoffnung auf einen Neuanfang.
,Die Vernunft an die Macht!', erscheint ihm als letzter Ausweg in einer Zeit, die aus den Fugen geraten war. Die humane "Selbsterhaltung" - conservatio sui - löste den Glauben an die Vorsehung ab und wird zum zentralen Projekt der Aufklärung. Der Weg: die Herrschaft über die Natur gewinnen, sie in Besitz nehmen, ihr eine Ordnung geben. Dies geschieht mit der Methode des rationalen Denkens: Nur das als wahr anzuerkennen, was evident und beweisbar ist. Eine Sache in so viele Teile wie nötig zu zerlegen, die Dinge sezieren, analysieren, vermessen, neu ordnen und konstruieren - wird zum Königsweg. Auf diesen Bahnen mache sich der Mensch zum" maitre et possesseur", zum Herrn und Meister der Natur. 11 Diese Anschauung ist auch dem Nachhaltigkeitsdenken eingeschrieben. Aber sie ist nicht nachhaltig. Ein Schüler und Kritiker Descartes entwarf ebenfalls in Leiden ein Gegenmodell: Aus Spinozas "Ethik" lässt sich eine hoch entwickelte Theorie der Nachhaltigkeit des tillieren. Suum esse conservare- sein eigenes Sein bewahren, Selbsterhaltung sei der Grundtrieb (conatus) des Menschen. Wie bei Descartes.12 Aber Spinoza formuliert einen radikalen Gegenentwurf zu Descartes. Er vollzieht die größte denkbare Aufwertung der Natur: Er erklärt Gott und Natur für identisch. Deus sive natura. Gott ist Natur. Die Natur ist Gott. Hier liegt die erste Ursache aller Existenz, auch des Denkens. Je mehr wir die einzelnen Phänomene der Natur erkennen, umso mehr erkennen wir Gott. Spinoza betrachtet nun die Natur unter zwei Perspektiven: Die natura naturata ist die "gewirkte", geschaffene, sozusagen die empirische Natur. Davon unterscheidet er die natura naturans, die in der natura naturata wirkende, lebendige, aktive und produktive Kraft. Die Unterscheidung ist wesentlich. Als natura naturata ist die Natur dem menschlichen Willen verfügbar. Sie ist manipulierbar und reproduzierbar. Die vitalen Kräfte der natura naturans aber sind übermächtig und unverfügbar. Sie sind die Fülle des Lebens, die Macht des Lebens selbst. Damit kippt der Herrschaftsanspruch des Menschen. Die Klassifizierung der Naturphänomene in gut und böse, nützlich und schädlich, unentwickelt und entwickelt wird hinfällig. Das unzenrennbare Gewebe des Lebens tritt an diese Stelle. Gegenüber Descartes' Inthronisierung des Menschen als Meister und Besitzer der Natur beharrt Spinoza darauf, dass der Mensch ebenfalls Teil der Natur sei. Er gibt damit das Projekt der "humanen Selbstbehauptung" keineswegs auf, sondern bettet es in den größeren, den ökologischen Zusammenhang ein. Suum esse conservare, die Bewahrung des eigenen Seins, dieser natürliche Grundtrieb ist Ausgangspunkt für jedes Begehren und damit auch für das ökonomische Handeln. Seit seiner Vertreibung aus dem Paradies ist der Mensch selbst dafür verantwortlich. Diese ökonomische Absicherung des Daseins kann jedoch nur im Einklang mit der Natur gelingen. Wir finden die Schätze der Natur vor und stellen sie nicht her. Unsere Freiheit besteht darin, unser Bestreben mit der Vernunft und das heißt mit der "Ordnung der gesamten Naturwelt" in Übereinstimmung zu bringen. Wo dies gelingt, können wir "völlig beruhigt sein und in dieser Ruhe dauernd zu bleiben suchen". Was heißt das für die Gestaltung eines Gemeinwesens? Die Vernunft gebietet es, die Bewahrung des eigenen Seins nicht nur mit der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, sondern auch mit dem Wohlergehen des Anderen zu verknüpfen. Es sei offensichtlich, "dass die Menschen durch wechselseitige Hilfeleistung ihren Bedarf sich vielleichter verschaffen und nur mit vereinten Kräften die Gefahren, die von überallher drohen, vermeiden können". Gegen die wölfischen Gesetze der freien Konkurrenz stellt Spinoza die gerechte Verteilung der Güter und die potentia multitudinis, die demokratische Macht der Menge.

 

Nicht mehr Holz fällen, als nachwächst

 

Als zentrales ökonomisches und politisches Problem galt im Europa des 17. Jahrhunderts, also zur Zeit von Descartes und Spinoza, eine drohende Ressourcenkrise. Was heute unter Schlagworten wie "peak oil", Ende des Öls, diskutiert wird, war damals der "prognosticirte Holtzmangel". "La France perira faute de bois", sagte man z.B. im Frankreich des Sonnenkönigs Ludwigs des XIV., Frankreich werde am Holzmangel zugrunde gehen. Das politische und ökonomische Denken richtete sich überall in Europa auf den Umgang mit den Wäldern. Einen ungemein prägnanten Ausdruck fand diese Sorge 1661 in der Forstordnung der von "holzfressenden" Siedesalinen geprägten bayerischen Stadt Reichenhall: "Gott hat die Wäldt ( = Wälder) für den Salzquell erschaffen auf daß sie ewig wie er continuieren mögen I also solle der Mensch es halten: Ehe der alte ausgehet, der junge bereits wieder zum verhackhen hergewaxen ist" .13 Der "ewige Wald" sollte die "Stetigkeit" der Holzversorgung für die nachfolgenden Generationen garantieren . Ein Denken in großen Zeiträumen bildet sich hier ab. Die Zeitbestimmung "ewig" ist der sakralen Sprache entlehnt. Die spirituelle Fundierung von Ökonomie soll hier eine unbegrenzt lange Dauer für den Bestand der Wälder - feierlich - imaginieren und verheißen. Eine dementsprechende Vorstellungskraft und die Fähigkeit, in sehr langen Zeiträumen zu denken, fehlt heute- auch im Nachhaltigkeitsdiskurs. Der wachsende Bevölkerungsdruck, die dadurch in Gang gesetzte Umwandlung von Wald in Ackerland, die lang andauernde Übernutzung der standortnahen Wälder durch den Erzbergbau oder durch energieintensive Manufakturen, wie z.B. Glashütten und Schiffswerften, führten zur Entwaldung ganzer europäischer Landstriche. Im Laufe des 17. Jahrhunderts verstärkte sich in den frühindustriellen Zentren und in den Hauptstädten Europas ein Krisendiskurs, der sich latent bereits durch frühere geschichtliche Epochen auch anderer Kulturkreise hindurchgezogen hatte. In einer langen Kette von Forstordnungen, Edikten, Pamphleten über den "einreissenden Holzmangel" bereitete sich die Begriffsbildung "Nachhaltigkeit" vor. Im Fokus standen dabei nicht unbedingt aktuelle Versorgungsengpässe, sondern vielmehr die Sorge um die posterity (John Evelyn) die "liebe Posterität" (Carlowitz), modern ausgedrückt: die future generations (Brundtland-Report). Der unmittelbare Vorläufer von "nachhaltig" in der zeitgenössischen deutschen Terminologie ist "pfleglich". In einem Standardwerk der Kameralwissenschaften des 17. Jahrhunderts, dem "Teutschen Fürstenstaat", taucht der Terminus an zentraler Stelle auf. Das Buch erschien 1656, ist also wenige Jahre älter als die Reichenhaller Forstordnung. Sein Autor, Veit Ludwig von Seckendorff, leitete zu der Zeit die "Cammer" im thüringischen Herzogtum Sachsen-Gotha. In diesem kleinen, waldreichen Territorium versuchte Herzog Ernst der Fromme nach dem Kollaps des Landes im Dreißigjährigen Krieg einen lutherischen Modellstaat zu gründen. Sich selbst sah er in der Rolle des "guten hauß-vaters". Sein Programm war eine reformatio vitae, eine Lebensreform auf der Grundlage des Katechismus. "Die gehöltze pfleglich brauchen" bedeutet in Seckendorffs "Fürstenstaat", sie "also zu handhaben, daß solche eine beständige revenüe auf lange jahre geben. Es solle über den ertrag der höltzer nicht gegriffen, sondern eine immerwährende beständige holtz=nutzung dem Herrn und eine beharrliche feuerung, auch andere holtz=nothdurfft, dem lande, von jahren zu jahren, beyihrer zeit, und künfftig den nachkommen bleiben."

Der Urtext

Auf dieser Tradition "pfleglicher" Holznutzung fußt die Begriffsbildung von "nachhaltig". Der neue Terminus erscheint zum ersten Mal in gedruckter Form vor 300 Jahren in einem 1713 in Leipzig erschienenen Buch des sächsischen Oberberghauptmanns Hans Carl von Carlowitz mit dem Titel ,Sylvicultura oeconomica'. Gegen den Raubbau am Wald setzt die Carlowitz die eiserne Regel: "Daß man mit dem Holtz pfleglich umgehe."1s Der Wortschöpfer ist Spross eines alten sächsischen Adelgeschlechts, Manager des erzgebirgischen Bergbaus, eines Montanreviers von europäischem und globalem Rang, ein sächsischer Europäer. In seinem Buch geht er geht der Frage nach, "wie eine sothane - eine solche - Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen I daß es eine continuirliche beständige undnach h a 1 t ende Nutzung gebe I weil es eine unentbehrliche Sache ist I ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag." 16 In diesem Satz, verkleidet in dieser barocken Sprache, taucht das Wort zum ersten Mal auf. Ohne den "nachhaltenden" Umgang mit den Wäldern kann das Land in seinem Esse - das heißt in seiner Existenz- nicht bleiben. Schon hier: Nachhaltigkeit als Selbstschutz der Gesellschaft vor dem existenzbedrohenden Kollaps. Verknüpft mit dem Wort erscheint bei Carlowitz in Umrissen das heute so heute so gängige Denkmodell des "Dreiecks der Nachhaltigkeit" aus Ökonomie, Ökologie und Sozialethik. Wie redete er vor 300 Jahren über die Natur? Sie ist "milde". Das bedeutete damals so viel wie freigebig. Es ist eine "gütigeN atur". Mater natura- Mutter Natur. Die Natur sei "unsagbar schön". Wie angenehm z.B. "die grüne Farbe von denen Blättern sey, ist nicht zu sagen." 17 Vom "Wunder der Vegetation" ist die Rede. Von der "lebendig machenden Krafft der Sonnen" und von dem "wundernswürdigen ernährenden Lebens-Geist", den das Erd-Reich enthalte. Man müsse nur im ,Buch der Natur' zu lesen verstehen. Die "äußerliche Gestalt" der Bäume stellt Carlowitz in einen Zusammenhang mit der "innerlichen Form", mit ihrer "Signatur" und der "Constellation des Himmels, darunter sie grünen" und mit der Matrix, der Mutter Erde und ihrer natürlichen Wirkung. Was ist die Matrix? Die Gebärmutter, der Sitz der Fruchtbarkeit. N achhaltigkeit bedeutet das Primat der lebendigen, der nachwachsenden Ressourcen und erneuerbaren Energien. Hier handelt es sich nicht um tote Materie, wie bei den fossilen Brennstoffen, sondern um lebende Organismen. Bei der green economy- so das neueste Stichwort der UNOgeht es um die Naturbindung der Ökonomie. Das ökonomische Denken von Carlowitz hat zum Ausgangspunkt die Feststellung, dass sich der Mensch nicht mehr im Garten Eden befinde. Er müsse der Vegetation der Erde zur Hilfe kommen und "mit ihr agiren". Er dürfe nicht "wider die Natur handeln", sondern müsse ihr folgen und mit ihren Ressourcen haushalten. Im Einklang damit formuliert Carlowitz seine sozialethischen Grundsätze: Nahrung und Unterhalt stehen jedem zu, auch den "armen Unterthanen" und der "lieben Posterität", also den nachfolgenden Generationen. Carlowitz' Wortschöpfung etablierte sich in der Fachsprache des Forstwesens, zuerst im deutschsprachigen Raum, dann im 19. Jahrhundert auch international. Ins Englische übersetzte man sie mit sustained yield fo restry. In dieser Fassung wurde der Fachausdruck zur Blaupause unseres modernen Konzepts sustainable development. Nachhaltigkeit als Begriff ist ein Geschenk der deutschen Sprache an die Sprachen der Welt.

Die Haushaltung der Natur

Wie kam die Ökologie ins Spiel? Um 1730 begann der
schwedische Naturforscher Carl Nilsson Linne die Vegetation nach dem Bau der pflanzlichen Geschlechtsorgane zu ordnen. Über seine "fieberhafte Sexbesessenheit" (Bill Bryson) rätselt, lächelt und lästert man bis heute. Meine Lesart: Über Blütenkelche gebeugt, Staubgefäße und Stempel zählend, zerlegend, vermessend, im botanischen Garten der Universität von Uppsala, an der felsigen Steilküste der Insel Gotland oder in der baumlosen Tundra Lapplands suchte Linne vor allem eins: den Schlüssel für den Flor, das Aufblühen seines Landes. Sein helles Entzücken an der Vielfalt der Arten, seine Leidenschaft für die Prozesse von Befruchtung, Vermehrung, Wachstum und Aufzucht, für die ganze multiplicatio individuorum (Linne, 1735) entsprang einem vitalen Interesse an der "nachhaltenden Nutzung" (Carlowitz, 1713) "lebendiger Ressourcen" (Weltnaturschutzstrategie, 1980). Linnes lebenslanger Leitbegriff war: oeconomia naturae. Gemeint war: die Einheit und Ganzheit der Natur, die Mannigfaltigkeit der Arten, die Kreisläufe von Werden und Vergehen, Symbiosen, Nahrungsketten, Energieströme, die Sukzession der Pflanzengesellschaften und ihre Fähigkeit zur Regeneration - das Eigenleben der Natur in seiner ganzen Fülle. Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich bilden für ihn ein vernetztes Ganzes. Sie sind ein sich selbst regulierender und erhaltender Organismus. Dieser sorgt dafür, dass das Leben insgesamt aufrechterhalten bleibt und weiter geht. Linne beobachtet sehr genau den "Krieg aller gegen alle" in den Naturreichen. Er beschreibt, wie die Tiere "nicht allein die schönsten Blumen zerstören, sondern auch ohne Erbarmen einander zerreißen". Aber fressen und gefressen werden, die Nahrungsketten dienen stets der Aufrechterhaltung eines wohlgeordneten Ganzen. Selbstorganisation und Selbsterhaltung, Wachstum und Zerfall, die ganze Dynamik der schöpferischen und Zerstörerischen Kräfte wirken beständig und verlässlich - ohne Zutun des Menschen. Die Lösung der heute allgegenwärtigen Frage nach dem Verhältnis von Ökonomie und Ökologie war für noch Linne sonnenklar. Es muss gelingen, die Abläufe unserer Ökonomie mit den großen, unwandelbaren, gottgegebenen Kreisläufen der oeconomia naturae zu synchronisieren.  Knapp ein Jahrhundert nach seinem Tod wurde sein Leitbegriff zur Blaupause für einen neuen: Oecologie, die Lehre von der Haushaltung der Natur. Die Wortschöpfung vollzog 1866 Ernst Haeckel, Professor der Biologie in Jena. "Unter Oecologie", so definiert er, "verstehen wir die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt" .18 Die Beziehungen des Organismus zu seiner Umwelt sind das also Entscheidende. Nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien sind nicht immer und überall nachwachsend, erneuerbar verfügbar. Es sind living resources -lebendige RessourcenLebewesen! Ihre Regeneration hängt ab von der beständigen Fruchtbarkeit der Böden, vom Wasserhaushalt und all den anderen Faktoren. Sie bedarf einer intakten Umgebung, letztlich einer intakten Biosphäre. Man muss die Eigenzeiten, die Rhythmen und Zyklen der Natur beachten, wenn man sie nachhaltig nutzen will. Das, was uns hält und trägt, sind letztlich immer die Kräfte von Natur und Kosmos, das Licht der Sonne und das von der Sonnenenergie gespeiste Kraftwerk der Biosphäre, jenes planetarische System der Selbstregulierung, das sich wie ein lebender Organismus verhält - Gaia. All das schwingt in dem Wort "Haushalt der Natur"- Ökologie - mit. So rückt Ökologie in den inneren Sinnbezirk von Nachhaltigkeit.

Ikone Erde

Das Bild der Erde aus dem All, aufgenommen von der Apollo-17- Besatzung aus ungefähr 45.000 Kilometern Entfernung auf dem bis heute letzten Flug zum Mond, ist das meistreproduzierte Foto der Mediengeschichte. Das Bild, blue marble genannt und nach wie vor auf unzähligen Webseiten im Internet jederzeit abrufbar, entstand 1972. In diesem Jahr begann die große Suchbewegung, die Erdpolitik, die bis heute weitergeht und unser Schicksal im 21. Jahrhundert bestimmen wird. Was macht das Bild ikonisch? Die lebenserhaltende Lufthülle der Erde wirkt transparent und hauchdünn, ihr Pflanzenkleid wie ein zarter Flaum. Nirgendwo wird ein Artefakt als Anzeichen menschlicher Existenz erkennbar. Es ist vielmehr die Biosphäre des Planeten, die ihn zu etwas ganz Besonderem macht. Der blaue Planet schwebt in der Leere des unendlichen schwarzen Alls. Sein Schwebezustand erhöht den Eindruck von traumhafter Schönheit, völliger Einsamkeit und Einzigartigkeit und- nicht zuletzt- großer Verletzlichkeit.  Drei Schlüsselwörter gab es in der zeitgenössischen "großen Erzählung" aus wenigen Worten über blue marble und andere Bilder aus dem Weltraum: Man sprach von der "grenzenlosen Majestät", die das "funkelnde blauweiße Juwel" ausstrahle. Als eine zarte himmelblaue Sphäre, umkränzt von langsam wirbelnden Schleiern, steige die Erdkugel wie eine Perle "unergründlich und geheimnisvoll" aus einem tiefen Meer empor. Schön h e i t ist das erste Schlüsselwort: Eugene Cernan, der Kommandant von Apollo 17, sah beim Blick zurück vom Mond den "schönsten Stern am Firmament." 19 Die Augenzeugen berichteten von der zutiefst beunruhigende "Schwärze des Weltraums" . Die kalte Pracht der Sterne mache die absolute Einzigartigkeit der Erde bewusst. Dieses "einsame, marmorierte winzige Etwas" aus uralten Meeren und Kontinenten, heißt es in einem Bericht, sei "unsere Heimat", während wir durch das Sonnensystem reisten. E in z i gart i g wäre das zweite Schlüsselwort. Only one earth war das bis heute viel zitierte Motto des UN-Umweltgipfels von 1972 in Stockholm. Fragil - zerbrechlich, zart, verletzlich - ist das dritte Schlüsselwort bei der zeitgenössischen Deutung des grandiosen Bildes. Da rückt die Biosphäre, die hauchdünne Schicht, die allein das Leben auf dem blauen Planeten trägt, ins Blickfeld. Schönheit, Einzigartigkeit, Zerbrechlichkeit der Erde - im Schoß dieser Anschauung und Vorstellung hat sich das moderne Konzept sustainable development IN achhaltigkeit herauskristallisiert. Diese Vorstellungen, diese Bilder und Denkbilder gehören zum rationalen, emotionalen und spirituellen Kern von Nachhaltigkeit. Sie sind seine Matrix.

Die Brundtland-Formel

1987, 15 Jahre nach der Entstehung des ikonischen Bildes, erschien der Brundtland-Report. Er war der Abschlussbericht einer hochrangig besetzten UN-Kommission unter der Leitung der norwegischen Sozialdemokratin und Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland. Sie etablierte das Konzept sustainable development als neues Leitbild der UN, das fünf Jahre später, auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro, endgültig verabschiedet wurde. Bezeichnenderweise beginnt dieser Bericht mit einem Blick auf den blauen Planeten, nämlich mit den Worten: "Mitten im 20. Jahrhundert sahen wir unseren Planeten zum ersten Mal aus dem Weltall, und wir sahen eine kleine zerbrechliche Kugel, die nicht von menschlichen Aktivitäten und Bauwerken geprägt war, sondern von einem Muster aus Wolken, Ozeanen, grünem Land und Böden. "20 In diesem Bericht findet man die klassische und seitdem ständig zitierte Bestimmung von "nachhaltiger Entwicklung". "Nachhaltig ist eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation deckt, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu decken." Im Brundtland-Report wird diese Bestimmung jedoch gleich im Anschluss an die Definition zweifach präzisiert. Zum Einen geht es beim Schlüsselbegriff der needs, der Bedürfnisse, vor allem um essential needs, also um die Befriedigung der Grundbedürfnisse. Entwicklung rückt damit in den Kontext der weltweiten Armutsbekämpfung, der Nord-Süd-Gerechtigkeit. Was brauchen wir wirklich? Zum Zweiten betont der Bericht an dieser Stelle die Begrenzungen. Nicht mehr Naturressourcen verbrauchen, als sich regenerieren. Wie in der Faustformel der deutschen Forstleute zur Zeit von Carlowitz wird die dauerhafte Tragfähigkeit der Ökosysteme zum Maßstab ökonomischen Handeins - und nicht etwa die globalisierten Märkte. Technologie und soziale Organisation haben diese Begrenzungen zu respektieren. Das Wissen um die Begrenztheit der Ressourcen und damit den "Mut zum Weniger" zum Konzept für die schöpferische Weiterentwicklung von Technologie und von sozialer Phantasie zu machen - das wäre in meinem Verständnis genuin nachhaltig. Die Brundtland-Formel wird häufig mit einem Denkbild veranschaulicht. Man spricht von den "drei Säulen" oder dem "Dreieck" der Nachhaltigkeit. Bestehend aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem. Aber wir dürfen dieses Denkbild nicht missverstehen. Es geht hier nicht um ein sozusagen gleichberechtigtes Nebeneinander von Zielen. Nach dem Motto: Eine heile Umwelt ist ebenso erstrebenswert wie andere Ziele, zum Beispiel Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und Wohlstand. Es ist dann mehr oder weniger Ansichtssache, welchem dieser Ziele man den Vorrang gibt. Dieses Verständnis greift entschieden zu kurz. Nachhaltigkeit ist vielmehr ein ganzheitlicher Entwurf. Er zielt auf das große Ganze. Er verbindet die drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales organisch. Und zwar so eng, dass neue Muster des Produzierens und Konsumierens sichtbar werden. Muster, die mit der Tragfähigkeit der Ökoysteme und dem Zusammenhalt der Gesellschaft kompatibel sind, also unseren ökologischen Fußabdruck und die Ungleichheit in den Gemeinwesen drastisch reduzieren. Im Prisma der Nachhaltigkeit erscheint eine andere Ökonomie. Nicht eine, die sich auf die Parole" let's make money" reduziert, sondern eine ressourcenleichtere, naturnahe, sozialethisch fundierte Ökonomie. In diesem Sinne wäre auch die neuerdings von der UN propagierte
green economy zu verstehen.

Und jetzt?

Und dennoch: N achhaltigkeit ist ein sperriger Begriff. Doch gegen was "sperrt" er sich? Vor allem gegen die Dogmen der neoliberalen Welle, die um 1980 - also kurz nach der Wiederentdeckung der Ökologie und der Grenzen des Wachstums - die Welt überrollte und die Form der Globalisierung 30 Jahre - eine Generation - lang diktiert hat. Gegen das kurzfristige Kosten-Nutzen-Kalkül setzt er auf ein Denken in langen Zeiträumen. Er fasst die Kette der nachfolgenden Generationen ins Auge und das große Spielfeld der Evolution, auf dem der Mensch weiter mitspielen will. Only one 162 earth, die Losung des Stockholmer UN-Umweltgipfels von 1972 ist ein Appell, die Erde und ihre Ressourcen nicht als Privateigentum weniger, sondern als einzigartigen gemeinsamen Besitz der Menschheit und ihrer Mitwelt aufzufassen. Gegen den Wachstumszwang setzt Nachhaltigkeit auf den Mut zum Weniger. Dieses Denken ist immer ein Kind der Krise gewesen. Stets geht es im Wesentlichen um eine Reduktion unseres Eingriffs in den Naturhaushalt. Mit weniger auskommen, die Ressourcen weniger, pfleglicher und anders zu nutzen ist der Königsweg. Gegenüber der aktuellen Welle von Deregulierungen beinhaltet Nachhaltigkeit ein ausgefeiltes System von ökologischen und sozialen Regulierungen und Sicherungssystemen. Nachhaltige Entwicklung ist eine Strategie, um Lebensqualität und Partizipation, den Zugang zur Fülle des Lebens für alle zu sichern. Der Zusammenprall zwischen den beiden Denksystemen und politischen Strategien ist schon in deren jeweiligen Keimformen im 18. Jahrhundert angelegt. Er hält bis heute an. Das ist der eigentliche clash of cultures, der Kampf der Kulturen, der das 21 . Jahrhundert entscheidend bestimmen wird. Wie lässt sich nun nachhaltig und nicht-nachhaltig unterscheiden? Mein persönlicher Lackmustest hat zwei Komponenten: 1) Reduziert sich der ökologische Fußabdruck? 2) Steigt die Lebensqualität - für jeden zugänglich? Alles, was sich mit der Kategorie "nachhaltig" definiert, muss sich daran messen lassen. Zunächst muss jede nachhaltige Handlung, Idee und Planung dazu beitragen, die Belastung der Umwelt abzusenken. Je radikaler, desto besser. Diese Priorität ergibt sich schlicht und einfach aus der gegenwärtigen dramatischen Übernutzung der Biosphäre. Den ökologischen Fußabdruck reduzieren heißt: Unsere Lebensweise und unsere Wirtschaftskreisläufe wieder in die Naturzusammenhänge einbetten. Die Tragfähigkeit der Ökosysteme ist Ausgangspunkt jeder Form von nachhaltigem Denken und Handeln. Nachhaltigkeit war immer und bleibt auf unabsehbare Zeit eine Strategie der Bewahrung des Vorhandenen und - gleichzeitig - der Reduktion. Natur bewahren, indem man sie weniger und pfleglicher nutzt. Dazu gehört wesentlich: Etwas nicht tun, obwohl man es tun könnte. Das erfordert nicht nur Mut, sondern auch ... Weisheit. Doch Nachhaltigkeit hatte von den Urtexten bis heute noch eine andere Konstante: Die Suche der "glückseeligkeit" (Leibniz), nach der "Qualität eines lebenswerten Lebens" (Willy Brandt). Dieses Streben hat nun sehr wohl mit Wachstum, Aufstieg und Fülle zu tun. Ohne diese Dimension ist das Leben auf Dauer tatsächlich nicht lebbar und nicht lebenswert. Doch das ist ein qualitativ anderes Wachstum als die Steigerung des Bruttosozialprodukts. Da geht es um das persönliche Wachstum eines jeden Individuums, den Aufstieg zur jeweils höheren Stufe auf der Pyramide der Bedürfnisse, das Erlebnis von Vielfalt und Buntheit in der Natur und den Kulturen der Welt. Um die Möglichkeit der Loslösung von den materiellen Grundbedürfnissen und die wachsende Konzentration auf die immateriellen "Metabedürfnisse" (Abraham Maslow) - mit einem Wort: um Lebensqualität. Da sind nun keinerlei Grenzen des Wachstums gezogen. In diesen Spielraum lockt uns die Verheißung des guten Lebens für alle. Es ist spannend, zu verfolgen, wie die Dialektik von Reduktion und Aufstieg im 21. Jahrhundert in neuen Leitbildern aufscheint. Diese werden nicht als starre "Leitplanken" entworfen. Eher wie Landmarken zur Navigation auf einem außerordentlich unübersichtlichen Gelände. Die Ausrichtung auf unterschiedliche und mannigfaltige Bedürfnisse, auf Lebbarkeit und Attraktivität, auf Sinnlichkeit und Ästhetik, kurz: auf das gute Leben in der Gegenwart und in einer wünschenswerten und machbaren Zukunft ist überall spürbar, wo heute über Nachhaltigkeit diskutiert wird. Der Münchner Öko-Pionier Karl Ludwig Schweisfurth propagiert die Faustregel ,halb so viel, doppelt so gut' beim Konsum von Lebensmitteln. Für den 2009 verstorbenen norwegischen Philosophen Arne Naess war die Maxime ,einfach an Mitteln, aber reich an Zielen und Werten' Essenz einer tiefenökologischen Lebenskunst. Die Toblacher Thesen von Hans Glaubers Südtiroler Öko-Institut entwerfen als Koordinaten für ein neues solares Zeitalter: ,Langsamer, weniger, besser, schöner'. Mit dem kleinen Song "Reduce, reuse, recycle" tourt Surf-Ikone und Pop-Star JackJohnson seit 2006 durch die Videoclip-Sender der Welt und die Kindergärten seiner Heimat Hawaii. Reduzieren, wiederverwenden, Recyceln als selbstverständliche Praxis des Alltags. Um den Kopf frei zu bekommen für das Warten auf die perfekte Welle. ,Eine Stadt ist erfolgreich, nicht wenn sie reich ist, sondern wenn ihre Menschen glücklich sind.' Eine solche Aussage passt nahtlos zu den Thesen aus der Dolomiten-Sommerfrische Toblach. Sie stammt freilich vom Bürgermeister der lateinamerikanischen Metropole Bogota. Der HimalayaStaat Bhutan misst seinen Erfolg nicht mehr am Bruttosozialprodukt sondern an einem Glücks-Index. "Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier". Der Satz Mahatma Gandhis flimmert seit dem Finanzkollaps über unzählige Webseiten. Das Passwort hier heißt: genug. Genügsamkeit oder besser: das Wissen um das Genug ist eine Basistugend einer nachhaltigen Lebenskunst. In der Fachsprache heißt sie: Suffizienz. Reduzieren, ohne abzustürzen in die Verelendung und die Hässlichkeit. Sondern im Gegenteil: die Fülle des Lebens, den Reichtum der Natur und der Kulturen der Welt in ihrer ganzen Vielfalt für alle zugänglich erlebbar zu machen - wird zur Schlüsselaufgabe der großen Transformation. Eine nachhaltige Gesellschaft wird egalitärer sein- und gerechter - oder ein Traum bleiben.

Joomlart